+++ 75 Jahre Kloster Nütschau: Unser Buch »Höre und gehe« +++
Alle Gebetszeiten im Livestream
Aktuell:

Rückblick auf die Tagung "Zwischen Technologie und Stille" vom 13. Juni 2026

Wo finden wir heute Orientierung?

Die Klimakrise und die rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz stellen grundlegende Fragen nach Verantwortung, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Gestaltung. Schon im Vorfeld wurde deutlich, wie aktuell dieses Thema ist: Die neu veröffentlichte Enzyklika von Papst Leo XIV. Magnifica Humanitas lenkt den Blick auf das Menschsein im Zeitalter technologischer Transformation – ein Horizont, der auch die Tagung in besonderer Weise geprägt hat.
Gemeinsam mit Technikforscherin Prof. Petra Ahrweiler vom Forschungsinstitut TISSS Lab der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wurde ein Denkraum eröffnet, in dem wissenschaftliche, gesellschaftliche und spirituelle Perspektiven miteinander ins Gespräch kamen. Mit der franziskanischen Ordensschwester und Theologieprofessorin Ilia Delio (Villanova Universität, USA) sowie dem Theologieprofessor und Sozialethiker Gerhard Kruip (Universität Mainz) konnten zwei international profilierte Stimmen gewonnen werden.
Während Ilia Delio die Entwicklungen von Künstlicher Intelligenz (KI) im Horizont einer sich weiter entfaltenden Schöpfung reflektierte und nach der Stellung des Menschen in einem kosmischen und evolutionären Zusammenhang fragte, richtete Gerhard Kruip den Blick auf Fragen globaler Gerechtigkeit, politischer Verantwortung und konkreter ethischer Handlungsoptionen angesichts der Klimakrise. Beide nahmen dabei Bezug auf die neue Enzyklika aus ihrer jeweiligen Perspektive.

Auf den ersten Blick scheinen Technologie und Stille kaum zusammenzupassen. Technologie steht für Dynamik und Beschleunigung, Stille für Sammlung und Innehalten. Doch gerade in dieser Spannung eröffnete sich während der Tagung ein Raum vertiefter Wahrnehmung. Nütschau erwies sich dabei als ein Ort, an dem solche Gegensätze nicht aufgelöst, sondern fruchtbar gemacht werden können.
Ein zentraler Impuls ging dabei von der benediktinischen Tradition selbst aus. Das „Höre“, mit dem die Regel des heiligen Benedikt beginnt, wurde neu lesbar als Haltung in einer Zeit der schnell fortschreitenden Entwicklung: Nicht sofort reagieren, sondern zunächst wahrnehmen; nicht vorschnell urteilen, sondern hören – auf das, was in der Welt vor sich geht, auf andere Stimmen und auf die leisen Bewegungen im eigenen Inneren.

So lebte die Tagung von dieser Haltung des gemeinsamen Hörens und Fragens. Sie verstand sich als ein Raum, in dem Fragen offen bleiben dürfen – getragen von der Überzeugung, dass Orientierung nicht in Aktionismus und im Alleingang entsteht, sondern in den stillen Zwischenräumen und im Gespräch.
Die Teilnehmenden konnten ihre Erfahrungen, Sorgen und Ängste in Bezug auf den Klimawandel und die immense Weiterentwicklung von KI benennen. Durch Impulse vom Podium wurde darauf eingegangen und der Denkhorizont erweitert. So gab Dario Brockschmidt, sozialwissenschaftlicher Mitarbeiter von Petra Ahrweiler, Einblicke in die Theorie der Narration und konnte dabei aufzeigen, wie die Wahrnehmung und Bewertung von Wirklichkeit durch die jeweilige Erzählung geprägt werden und unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten aktivieren. Br. Elija Pott verstand es, die inneren Vorgänge im Menschen durch Bezugnahme auf den Psychoanalytiker Carl G. Jung zu erhellen und machte deutlich, dass das Unbewusste nicht nur Ort tiefsitzender Ängste, sondern auch Quelle für Kreativität, Weisheit und Spiritualität ist. In Form einer Kurzpredigt lud Br. Prior Johannes Tebbe dazu ein, der Erfahrung von Einssein und Verbundenheit, von der die Mystik und das Johannesevangelium erzählen, zu vertrauen und sich selbst in Zeiten der Stille zu erden und zu verbinden, wie es im Gleichnis vom Weinstock benannt wird: „Bleibt in meiner Liebe“.
Am Ende stand die Erfahrung, dass es Orte braucht, an denen Fragen nach Orientierung in Zeiten von globalen Krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen gestellt werden können: Orte der Unterbrechung, der Sammlung und der gemeinsamen Suche nach einem verantworteten Leben im Spannungsfeld von Technologie, Spiritualität und Weltverantwortung.


Zurück

Autor*in


.Br. Prior Johannes OSB

.Br. Prior Johannes OSB